Das Virus im Code und auf der Leinwand
Die Aquarell-Serie „Metamorphosen des Sediments“ (Metamorfosi del sedimento) von Günter Maria Bregulla ist eine surrealistische Feldstudie über die Schnittstelle von organischer Materie, menschlicher Psyche und digitaler Entfremdung.
Der physische Prozess: Macht des Sediments (Poderone, Maremma, Italien)
Entstanden in der Maremma nahe dem Monte Amiata, bildet ein alltägliches Ritual den Ausgangspunkt der Arbeiten: der morgendliche Espresso, dessen zweiter Aufguss als Malmittel eingesetzt wird. In den noch feuchten Kaffeefleck wird Tinte injiziert; beim langsamen Trocknen bricht das Gemisch und lagert sich als organisches Sediment ab. Erst danach weckt die Aquarellfarbe die im Chaos verborgenen Formen, Gesichter und Zellstrukturen zum Leben.
Die Theorie: Viren, Algorithmen und der Zerfall der Kommunikation (Venedig, Italien)
In Venedig vertiefte Bregulla die theoretischen Grundlagen der Serie: Der verlangsamte, unperfekte Prozess ist ein bewusstes Bekenntnis zum Menschsein – eine physische Spurensuche, die der makellosen, unmittelbaren Bildgenerierung künstlicher Intelligenz das menschliche Fehlermachen und Herantasten entgegenstellt. Und dabei die Frage nach den Kräften stellt, die unsere Gesellschaft zersetzen.
Philosophischer Hintergrund (München)
Ein zentrales, wiederkehrendes Motiv in allen Bildern dieser Serie ist das Virus. Es steht künstlerisch für die Algorithmen moderner Kommunikationsplattformen: So wie biologische Viren gesunde Zellen kapern, um ihr Zerstörungswerk anzurichten, bemächtigen sich aufmerksamkeitsheischende Algorithmen der urmenschlichsten Emotionen wie Hass, Erregung oder Gier. Mit diesen Themen befasst sich Bregulla seit Jahren als Journalist, Künstler und Gaststudierender an der Hochschule für Philosophie München.
Ein Kaffeefleck als Beweis unserer Menschlichkeit
Beyond the Canvas: Interview zu Metamorfosi del Sedimento
Wir treffen im Vorfeld der ARTMUC, Bayerns größter Messe für zeitgenössische Kunst, den Münchner Maler Günter Maria Bregulla. Er hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Wesen des Menschen sowie der Philosophie der Künstlichen Intelligenz auseinandergesetzt.
Beyond the Canvas: Im Frühjahr haben Sie selbst auf der ARTMUC ausgestellt, im Herbst sind Sie als Besucher dabei. Warum diese Pause?
Bregulla: Anfang des Jahres hatte ich Exponate aus verschiedenen Serien im Verkauf – das waren konzeptionelle Protowerke. Mich hat es einfach gereizt, mit Künstlern aus anderen Städten und Ländern in Kontakt zu treten und meine Arbeiten der Kritik der Öffentlichkeit auszusetzen.
BTC: Und das Ergebnis?
Bregulla: Wenig Kontakt zu Käufern, dafür sehr wertvolle Gespräche mit erfahrenen Kollegen. Und die Erkenntnis, dass die Kontrolle des Schaffensprozesses nicht alles ist. Auch der Zufall hat seine Berechtigung.
BTC: Ich ahne es: Kaffeeflecken. Was haben die mit Kunst zu tun?
Bregulla: (lacht) Sie sind das Sediment, aus dem sich meine Metamorphosen entwickeln.
BTC: Daher der Titel Ihrer neuen Serie von Aquarellen: „Metamorfosi del sedimento“. Sie kommen aus München. Warum ein italienischer Titel – und worum geht es hier genau? Was ist das Konzept hinter der Arbeit?
B: Das Konzept und die ersten Bilder entstanden in Italien – zuerst in Poderone, einem Sommerdomizil in der Maremma nahe dem Monte Amiata, und später in Venedig. Im Kern geht es darum, wie sich Form aus organischer Materie offenbart.
BTC: Die Kaffeeflecken?
B: Ja, der Espresso. Aus einem völlig alltäglichen Kaffeefleck entfaltet sich ein fließender Prozess, in dem die unbewusste Psyche durchbricht – und surrealistische Gesichter, Formen und Zerrbilder freilegt.
BTC: Und das ist Ihre Metamorphose?
B: Ja. Metamorphosen stehen dafür, wie das Surreale in den Alltag einsickert; sie beschreiben genau jenen Moment, in dem die vertraute Realität Risse bekommt und etwas vollkommen Neues entstehen lässt.
MODERATOR: Wir könnten Ihre neue Serie also „Surrealismus aus der Espressotasse“ nennen. Stimmt’s?
B: Mehr oder weniger. Der zweite Aufguss des morgendlichen Espressos … den trinke ich nicht. Ich male damit.
BTC: Und Tusche?
B: Ja. Während der Kaffee noch nass ist, injiziere ich Tusche. Sie trocknet, bekommt Risse, wird zu Sediment. Die Aquarellfarbe kommt danach – an diesem Punkt wacht die Farbe auf.
BTC: Im Grunde also … kontrolliertes Chaos.
B: Chaos mit sehr geduldiger Hand. Der Fleck bestimmt den Anfang. Ich entscheide, wo daraus ein Gesicht wird, ein mythisches Tier, ein Virus. Oder etwas, für das ich noch kein Wort habe.
BTC: Eine Sache beschäftigt mich allerdings: Sie verbinden Ihre Arbeiten mit dem Thema KI. Warum spielt ein von Hand verfeinerter Kaffeefleck überhaupt eine Rolle, wenn eine Maschine in zehn Sekunden einen neuen da Vinci oder einen Rembrandt malen kann?
B: Weil die Maschine keinen Morgen hat. Kein Ritual. Kein Scheitern. Diese Flecken sind … der Beweis dafür, dass hier ein Mensch war – langsam, auf dem Holzweg, und dann wieder richtig.
BTC: Das Werk ist also eine Art Diagnose. Von uns. Von dem Lärm, in dem wir leben.
B: Wir leben in einer Welt, die von Bildschirmen überflutet ist. Tausende Bilder ziehen täglich an uns vorbei. Im wahrsten Sinne des Wortes aufregend: gepusht durch ihren ganz eigenen Appeal an die niederen Instinkte im Menschen. Seit Kurzem kommt eine neue Dimension hinzu. Künstliche Intelligenz erzeugt auf Knopfdruck Bilder, die täuschend echt aussehen.
BTC: Und wie geht es Ihnen dabei?
B: Wenn ich mit einem Prompt eine neue Realität erschaffen kann, hinterlässt dies ein merkwürdiges Gefühl der Allmacht und wirft als Kontrastprogramm zwei grundlegende Fragen auf: Wer bin ich, wenn meine Wahrnehmung getäuscht und meine eigene Schöpferkraft durch Algorithmen ersetzt werden kann? Und wer bist du, wenn ich hinter einem Bild nicht mehr mit Sicherheit ein reales Gegenüber mit echten Gefühlen und Erfahrungen erkennen kann?
BTC: Und diesen Fragen gehen Sie mit der Hilfe von Kaffeeflecken auf den Grund?
B: Diese Serie ist im Wesentlichen eine surrealistische Feldforschung – eine mikroskopische Kartierung des Unbewussten. Durch das gezielte Hervorheben von Zellstrukturen, Äderungen, Verkrustungen und Rändern wird die unvorhersehbare, organische Qualität von Kaffeerückständen und Tusche betont. Und es leitet ihre Metamorphose zu etwas Neuem ein.
BTC: Kontrollierte Arbeit mit einem unvorhersehbaren Ergebnis. Und ein Kaffeefleck als Beweis unserer Menschlichkeit.
B: Eine Tasse Espresso. Mehr als das war am Anfang nicht nötig.
BTC: Die Philosophie des Espresso –reflektierter als die Timeline der meisten Menschen.
B: (lacht) Bitten Sie mich nur nicht, den zweiten Aufguss zu trinken. Dieser Teil ist nicht zum Genuss gedacht.