Metamorfosi del Sedimento | Serie Aquarell |Toskana, Venedig, München – 2026
Diese Bilderserie ist eine surrealistische Feldforschung und eine mikroskopische Kartierung des Unbewussten. Durch das gezielte Hervorheben von Zellstrukturen, Äderungen, Verkrustungen und Rändern wird die unvorhersehbare Organik von Kaffeerückständen und Tusche betont.
Im Mittelpunkt steht das Phänomen der Formfindung aus dem organischen Material: Aus einem völlig alltäglichen, profanen Kaffeefleck bricht in einem fließenden Prozess die Psyche mit ihren unbewussten Zerrbildern, Gesichtern und Formen hervor. Die Metamorphose ist seit jeher der Schlüsselbegriff für das Auftauchen des Surrealen im Alltag – sie beschreibt den Zustand, in dem die vertraute Realität Risse bekommt und etwas vollkommen Neues hervorbringt.
Die Verwandlung vollzieht sich in mehreren Schichten auf dem Papier: Der liquide Espresso, dem noch im nassen Zustand Tusche injiziert wird, trocknet und wird vom flüssigen Element zum festen, verkrusteten Sediment. Die Zugabe von Aquarellfarbe verwandelt die braun-schwarzen Formen anschließend in leuchtende Gebilde. Durch feine, präzise Tuschestriche erfahren diese Kaffeeflecke ihre finale Metamorphose: Sie verwandeln sich von einem zufälligen Muster in ein erkennbares Zerrbild, ein Gesicht oder einen komplexen Organismus. Die so festgehaltenen Verwandlungsprozesse fangen an, eine Geschichte zu erzählen, die aus den Figuren herauszulesen ist.
In prozessualen Transmutationen, die auf das Flüchtige des Augenblicks anspielen, entsteht ein Kabinett aus biomorphen Zerrbildern, Zysten und Wesenheiten – eine Kartierung der Formen, die an der Schnittstelle von zufälliger Materie und menschlichem Deutungsdrang erwachen. Das Zerrbild wird zum Formgesetz: Die herausgearbeiteten Wesen sind keine reinen Ausrutscher des Zufalls, sondern folgen eigenen, verborgenen Gesetzmäßigkeiten – einer eigenen „Morphologie“.
Das meist mystische, tiefe oder erhabene Unbewusste entsteht in diesen Bildern aus etwas ganz Einfachem, Erdigem und Alltagsnahem: nachhaltig gewonnen aus der zweiten Brühung des morgendlichen Espresso. Die abgründigen Traumgestalten speisen sich nicht aus erhabenen Offenbarungen, sondern aus dem Profansten aller Alltagsstoffe. So wird das Unbewusste in einer gemalten Demystifizierung der Psychoanalyse greifbar, haptisch und organisch.
Der öffentliche Diskurs unterliegt einer fortschreitenden Pathologisierung: Getrieben von digitalen Aufmerksamkeitsökonomien und algorithmischer Polarisierung dringen spaltende Narrative tief in das Nervensystem der Kommunikationsgesellschaft ein.
Meine Bilder visualisieren diese diskursive Pathologisierung. Was als profaner Kaffeefleck und kontrollierter Tuschverlauf beginnt, verwandelt sich auf dem Papier in eine Metapher der Ansteckung und Unterwanderung: Sporenartige, stachelige Zysten und Zellkörper, die den Untergrund erschüttern, wirken wie mikroskopische Erreger oder digitale Reize, die einen feinen, hellen, aber inhaltslosen Hintergrund besiedeln. Sie stehen für jene kleinteiligen, reizüberflutenden Informationseinheiten und Algorithmen-Happen, die sich unkontrolliert im kommunikativen Nervensystem der Gesellschaft festsetzen.